Tiroler Wasser: Urkraft für Standort und Klima

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Tiroler Wasser
In Wasser steckt viel grüne Energie – für eine nachhaltige Energiewende werden sowohl der Ausbau der Wasserkraft (im Bild der Speicher Finstertal im Kühtai) als auch die Nutzung von Wasserstoff wichtige Komponenten sein.
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Als stets „nachsprudelnde“ Ressource für grüne Energie und damit auch für die Herstellung von grünem Wasserstoff ist das Tiroler Wasser eine Urkraft für Wirtschaftsstandort wie Klimaziele.

Für kurze Zeit stand es für die Tiroler Wasserkraft Spitz auf Knopf. Und mit ihr wackelte auch der Wirtschaftsstandort, für den Wasser eine der wichtigsten Ressourcen darstellt. Ein Expertenteam hatte der EU-Kommission vorgeschlagen, die Wasserkraft als so genannte „Übergangstechnologie“ einzustufen. Damit wäre sie mit fossilen Energieträgern und Atomkraft gleichgestellt worden, hätte nicht mehr als sauber gegolten und parallel zu dieser Einstufung hätten auch die Investitionen in die Wasserkraft ihre „Nachhaltigkeitsvorteile“ verloren. Nachhaltige beziehungsweise „saubere“ Investitionen bekommen bevorzugten Zugang zu Krediten – etwa jenen der Europäischen Investitionsbank (EIB). In der EU-Taxonomie-Verordnung werden die Vorgaben dafür geregelt und aller nachhaltigen Kraft der aus Wasser gewonnenen Energie zum Trotz, wäre dieser Ökostrom fast auf einer Ebene mit dem Atomstrom gelandet. Fast ist das Zauberwort, denn nach massiver Aufklärungsarbeit – vor allem von Vertretern Österreichs – hat sich die EU-Kommission dazu entschlossen, Wasserkraft weiterhin als klimafreundliche Technologie einzustufen. Hält diese Empfehlung dem Konsultationsprozess stand, bleibt sie das auch.

Entscheidende Wasserkraft

„Das ist schon absurd“, bringt Stefan Garbislander, Tiroler Standortanwalt und Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik, Innovation und Strategie der WK Tirol, die Sichtweise der Sachverständigengruppe auf den Punkt. Die Tiroler Pumpspeicherkraftwerke spielen eine entscheidende Rolle für das europäische Energiesystem, etwa wenn es in den Stromnetzen „kracht“ und die steuerbare Einsatzfähigkeit der Wasserkraft einen entscheidenden Beitrag dazu leistet, dass die Netze nicht zusammenbrechen und flächendeckende Stromausfälle (Blackouts) Leben und Wirtschaft lahmlegen.

In den Wintermonaten wird es diesbezüglich immer wieder spannend, beispielsweise wenn eine Dunkelflaute, also eine Zeit ohne Wind und ohne Sonne, die großen Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen im Norden Deutschlands mehr oder weniger zum Stillstand bringt und die Nerven der europäischen Netzbetreiber aufs Äußerste strapazieren.

Der Blickwinkel der EU-Experten war aber nicht zuletzt auch deswegen zwingend als „absurd“ zu bezeichnen, weil die CO2-freie Wasserkraft ein Schlüssel zur Erreichung der Klimaziele ist. Am 11. Dezember 2020 erst wurden sie im Rahmen des letzten Brüsseler Gipfels weiter verschärft. Galt bisher ein Ziel von minus 40 Prozent, so soll der Ausstoß von Treibhausgasen nun bis 2030 um mindestens 55 Prozent unter den Wert von 1990 sinken. In Österreich soll bis 2030 der gesamte Strom aus erneuerbaren Energiequellen stammen und Tirol hat sich bekanntermaßen vorgenommen, bis 2050 energieautonom zu sein.

Die ewige Konfliktlinie

„Das alles kann nur mit einem Ausbau der Wasserkraft erreicht werden“, stellt Stefan Garbislander klar und erklärt: „Damit wir diese Energieautonomie erreichen, brauchen wir rund 30.000 Terajoule. Das heißt, wir brauchen rund 10.000 Terajoule mehr.“ Die Tiroler Energiestrategie 2050 sieht vor, dass der Gesamtenergieverbrauch in Tirol in den nächsten 30 Jahren um die Hälfte gesenkt und der Anteil der Aufbringung aus erneuerbaren Energieträgern wie Wasserkraft, Photovoltaik oder Windenergie um 30 Prozent erhöht wird. Angesichts dessen, dass der Stromverbrauch in Österreich allein bis 2030 um acht Prozent steigen wird und die Mobilitätswende in weiten Teilen von nachhaltig gewonnener Energie abhängt, steckt darin eine gigantische Kraftanstrengung, die sich aus vielen Mosaiksteinchen zusammensetzt. Alle Effizienzmöglichkeiten müssen dafür genutzt und alle erneuerbaren Quellen müssen dafür angezapft werden. Alle und vor allem eben auch die Wasserkraft, in kleinen wie in großen Anlagen.

„Beim Ausbau der Wasserkraft spießt es sich bei den Klimazielen auf der einen und der EU-Wasserrahmenrichtlinie auf der anderen Seite“, weist Garbislander auf eine ewig anmutende Konfliktlinie hin, die auch in der jüngsten Debatte rund um die EU-Taxonomie-Verordnung aufflammte. Die EU-Wasserrahmenlinie wurde im Jahr 2000 beschlossen und 2003 ins nationale Recht umgesetzt. Ihr Fokus liegt auf dem ökologischen Zustand der Gewässer – nicht nur, was deren chemische Reinheit, sondern auch, was die Verbauung der Fließgewässer betrifft. Auf ihr fußen etwa die umfangreichen Ausgleichsmaßnahmen, die bei der Realisierung eines Wasserkraftprojektes umgesetzt werden müssen.

„Dass Wasserkraftprojekte vor dem Hintergrund eine Verschlechterung des ökologischen Zustandes darstellen, liegt auf der Hand. Doch wird in der Wasserrahmenrichtlinie die Klimakomponente der Wasserkraft nicht berücksichtigt. Und hier beißt sich die berühmte Katze in den Schwanz“, erklärt Garbislander, wo es sich spießt und wo seiner Meinung nach nachgebessert werden müsste. „Als die EU-Wasserrahmenrichtlinie beschlossen wurde, war die Klimadebatte erst am Anfang. In der Zwischenzeit sind die Klimaziele zu einem globalen Hauptpolitikum geworden und darum sollten Klimaargumente in die Richtlinie eingebaut werden“, so Garbislander.

Stefan Garbislander, Leiter der Wirtschaftspolitik & Strategie, WK Tirol
Stefan Garbislander

Standortentscheidender Faktor

Der rein konservierende Blick auf die Wasserschätze des Landes steht hier im Gegensatz zur Nutzung von Wasser als Ressource für die Herstellung erneuerbarer Energie. „Von außen wird gerne ein Blick auf die Alpen geworfen, als wären sie ein Nationalpark, in dem der Mensch eine untergeordnete Rolle spielt. Wir sind aber kein Naturraum, wir sind ein Kulturraum“, lenkt Garbislander den Blick auf den Wirtschaftsstandort, als dessen Anwalt er agiert und der ohne die Nutzung der Wasserkraft in der lebendigen Form nicht denkbar ist.

Der Wasserkraft beziehungsweise einer starken PS-Turbine in einer aufgelassenen Lodenfabrik in Wattens war zu verdanken, dass Daniel Swarovski sein energiebedürftiges Kristallimperium in Tirol ansiedelte. Nicht minder viel Energie benötigte Paul Schwarzkopf, um Metall auf die von ihm revolutionierte Weise zu bearbeiten. Der Plansee lieferte ihm nicht nur die Energie sondern auch den Namen für das Unternehmen. „Energie war und ist ein Faktor für Betriebe, sich hier anzusiedeln“, weiß Standortanwalt Garbislander.

Der Takt der Möglichkeiten und Entwicklungen im Zusammenhang mit der Wasserkraft hat sich in den vergangenen Jahren weiter verschärft. Im Zuge der Energiewende ist es beispielsweise entscheidend, erneuerbar hergestellte Energie speichern zu können. Vor diesem Hintergrund sind die Tiroler Pumpspeicherkraftwerke nichts anderes als riesige Batterien, kann doch überschüssiger Strom aus diesbezüglich launischen Quellen, wie Wind- oder Solaranlagen, verwendet werden, um Wasser in die Speicher zu pumpen und die derart gespeicherte Energie des Wassers im Turbinenbetrieb wieder in elektrische Energie umzuwandeln – dann, wenn die Energie benötigt wird.

WK-Projekt HydrAlpine

Eine weitere clevere Möglichkeit, Energie zu speichern, ist Wasserstoff. Wasserstoff gilt als Zukunftstechnologie – vor allem wenn der für seine Herstellung (Elektrolyse) benötigte Strom aus erneuerbaren Energiequellen wie eben der Wasserkraft stammt. In den letzten Monaten ließ Tirol mit mehreren Projekten im Bereich des „grünen Wasserstoffs“ und der Wasserstoffmobilität aufhorchen. Als Kompetenzzentrum für den Einsatz von Wasserstoff hat sich das Green Energy Center mit Sitz in Innsbruck einen Namen über die Grenzen Tirols hinaus gemacht. Für den Wasserstoff-Pionier und Gründer des Kompetenzzentrums, Ernst Fleischhacker, liegt gerade in der Corona-Krise eine neue Chance, mit umweltfreundlichen Technologien die eigenen Ressourcen strategisch besser zu bewirtschaften und damit Öl, Kohle und Gas aus den Energieversorgungsprozessen zu verdrängen. „Sauberer Strom und grüner Wasserstoff sind die Schlüssel für den Umbau des Energiesystems“, betont Fleischhacker.

Als effizienter Energieträger, Speichermedium und Treibstoff hat der Wasserstoff ein enormes Potenzial für große Verkehrsfragen. Wasserstofftanks können pro Masseneinheit deutlich mehr Energie speichern als Akkus, wodurch die Reichweite von Wasserstofffahrzeugen im Bereich von Benzin und Diesel-Fahrzeugen liegt. Das macht die Brennstoffzelle auf Wasserstoffbasis zu einer attraktiven Option für den Güterverkehr der Zukunft. Verlässliche, kosteneffiziente Wasserstoffversorgung und ausgereifte Brennstoffzellenfahrzeuge sind dabei die Knackpunkte, denen sich die WK Tirol zusammen mit ihren Partnern verschrieben hat.

„HydrAlpine“ nennt sich das Entwicklungs- und Demonstrationsprojekt, das kürzlich bei der Forschungsförderungsgesellschaft FFG eingereicht wurde. Im Rahmen dieses Projekts werden mindestens drei verschiedene wasserstoffbetriebene Busse und nach Möglichkeit auch ein Lkw auf alpinen Routen nach einem standardisierten Verfahren getestet, um weltweit erste Daten über Nutzung von Brennstoffzellenfahrzeugen in gebirgigen Regionen zu liefern und deren Entwicklung zu unterstützen. Und wieder wird bestätigt: Das Tiroler Wasser ist die Urkraft für Standort und Klima.

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