Reifegradmodell Industrie 4.0 – wie fit ist mein Unternehmen?

Zehn Betriebe ließen mithilfe der Osttiroler Gesellschaft für Innovation und nachhaltige Entwicklung ihre digitale Fitness mit dem „Reifegradmodell Industrie 4.0“ bewerten.

Wie steht es in meinem Betrieb um die Digitalisierung? Bisher wollten dies zehn Osttiroler Unternehmen ganz genau wissen und beauftragten die INNOS GmbH mit der Feststellung ihres digitalen Reife-grades. „Wir arbeiten mit einem Analysetool, das die Fachhochschule Oberösterreich, Campus Steyr, zusammen mit dem Mechatronik Cluster der Standortagentur Upper Austria entwickelt hat. Ausgangspunkt war der im Rahmen einer breit angelegten Studie erhobene Wunsch einer Vielzahl von oberösterreichischen Produktionsunternehmen nach mehr Begleitung und Unterstützung beim Digitalisierungsprozess“, berichtet INNOS-Innovationsmanager Stefan Wurzer. „Die Vorteile dieses Modells liegen einerseits in einer standardisierten Erhebung und Bewertung sowohl des Ist-Reifegrades als auch der jeweiligen Verbesserungspotenziale, anderseits im Zugriff auf eine Benchmark-Datenbank, in welche alle Ergebnisse anonymisiert einfließen. Damit sind für die teilnehmenden Betriebe Vergleiche möglich, wo sie in ihrer Branche stehen; man kann aber auch branchenübergreifend den Digitalisierungs-Reifegrad einer bestimmten Region abrufen“.

Industrie 4.0 – ein oft verwendeter, ab selten erklärter Begriff: „Es geht um die derzeitige vierte Phase der industriellen Revolution, die Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Einsatz von Dampfmaschinen in der Produktion begonnen hat. Man spricht von ,cyber-physischen Systemen’, die im Wesentlichen durch das Internet eine vernetzte, intelligente Welt mit einer Unzahl an ‚smarten‘ Anwendungsbereichen ermöglicht haben. In jenen Bereichen, mit denen wir uns beschäftigen – von der Produktion über die Logistik bis zum ‚Internet der Dinge‘ – geht es längst nicht mehr um die ‚klassische‘ Industrie, sondern genauso um Gewerbebetriebe bis zum Kleinunternehmen. Somit ist ein ‚Digital-Check‘ für die allermeisten Betriebe interessant“, erklärt Stefan Wurzer.

Gemeinsames Erarbeiten

Der Check läuft in drei Schritten ab: Zunächst wird im dreistündigen Startworkshop die Vorgehensweise und das Bewertungsmodell vorgestellt; das Unternehmen berichtet seinerseits über seine Strategie, die angestrebten Ziele und benennt Anwendungsfelder und die dafür zuständigen Mitarbeiter, die dann in der zweiten Phase interviewt werden, um den Istzustand festzustellen. Dafür wird ein strukturierter, sehr in die Tiefe gehender Fragenkatalog eingesetzt. So können Berater und Interviewpartner gemeinsam bereits Schwachstellen identifizieren und Verbesserungsvorschläge erarbeiten. Nun nimmt der Berater die eigentliche Bewertung des Ist-Reifegrades vor, wobei die Skala von 0 bis 10 reicht. Auch der angestrebte Sollzustand wird in dieser Phase definiert. Stefan Wurzer: „Je nach Anzahl der Interviewpartner dauert die Erhebungsphase im Betrieb einen bis drei Tage. Die Bewertung erfolgt nach den drei Dimensionen Daten, Intelligenz und Digitale Transformation. Auf der Datenebene geht es etwa um die Menge, Vielfalt und Plausibilität der vorhandenen Daten, aber auch die Datensicherheit im Betrieb. Auf der Intelligenz-Ebene schauen wir uns die Ausstattung des Betriebs mit Hard- und Software, aber auch die tatsächliche und die mögliche Nutzung von maschineller Intelligenz und die Schnittstellen zwischen den einzelnen Bereichen an. Die Kriterien für die Bewertung der Digitalen Transformation sind schließlich das Können und Wollen der Mitarbeiter, die Einstellung der Führung zur Digitalisierung, die Frage, inwieweit bereits die Durchgängigkeit digitaler Modelle gegeben ist und inwieweit Materielles durch Digitales ersetzt wird.“

Die Ergebnisse werden schließlich in einem wiederum rund dreistündigen Ergebnisworkshop präsentiert, wobei Ist- und Sollzustand mit einem Würfelmodell visualisiert werden. „Hier sieht man dann die jeweiligen Potenziale ganz deutlich und kann daraus die Prioritäten bei der Umsetzung der jeweiligen Verbesserungsvorschläge ableiten. Entscheidend ist dann die Umsetzungsplanung – man darf sich nicht zu viel auf einmal vornehmen, sondern in kleinen Schritten den Sollzustand anpeilen“, so Wurzer, der mittlerweile österreichweit zu den erfahrensten Reifegrad-Beratern zählt. INNOS-Geschäftsführer Richard Piock zieht ein Resümee aus den bisherigen Analysen: „Oft zeigt sich, dass die Organisation im Unternehmen nicht mit der vorhandenen technischen Ausstattung Schritt hält. Auch der notwendige Schulungsbedarf wird von der Führung manchmal unterschätzt. Meistens will man die Produktion optimieren, denkt aber zu wenig an die vor- und nachgelagerten Bereiche. Dabei liegen beispielsweise im Absatzbereich oft noch enorme Möglichkeiten, ebenso durch die Einbindung der Lieferanten.“

Skepsis wich Überraschung

Im Vorjahr war Friedrich Wieser, Tischlermeister in Strassen und Bezirksvertrauensmann der Osttiroler Tischler, einer jener drei Pioniere, bei denen die INNOS GmbH erstmals das Reifegradmodell angewendet hat: „Trotz anfänglicher Skepsis habe ich mich auf diese Analyse eingelassen. Ich wurde positiv überrascht und werde Erkenntnisse aus diesem Prozess bereits in nächster Zeit umsetzen. Auch zu sehen, wo wir im Vergleich zu anderen Unternehmen stehen, hat mir imponiert. Ebenso erhielt ich Impulse, wie sich unser Unternehmen weiterentwickeln soll“.

Für Tiroler Unternehmen ist die Digitalisierungsförderung von Land und Austria Wirtschaftsservice eine wertvolle Hilfe zur Beschleunigung des Digitalisierungsprozesses. „Wenn man diese Förderung in Anspruch nehmen möchte, ist das Durchlaufen unseres Reifegradmodells eine hervorragende Ausgangsbasis. Man sieht dann ganz deutlich, welche Investitionen bzw. betrieblichen Maßnahmen den maximalen Nutzen bringen. Außerdem passt unser Reifegradmodell genau in den zeitlichen Rahmen, für welchen man die Tiroler Beratungsförderung von Land und WK Tirol in Anspruch nehmen kann. Wir beschränken uns übrigens nicht nur auf Osttirol, sondern begleiten gerne auch Nordtiroler Interessenten“, betont der Innovationsexperte abschließend.

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