Die große Zeit der Widerstandsfähigkeit

Wenn Lebenswerke wackeln, der Stillstand an den Nerven nagt und unternehmerische  Pläne zusammen mit den Budgets verpuffen, darf auch einmal „Dampf abgelassen“ werden. Dann ist es aber notwendig, neu zu denken, klar zu kommunizieren, Perspektiven zu erkennen und Entscheidungen zu treffen.

Wirtschaft ist Psychologie, das gilt in Zeiten wie jetzt ganz besonders“, hielt Christoph Walser im Sommer des Corona-Zitterjahres 2020 fest. Anfang August war das. Noch war die Hoffnung groß, dass Corona bzw. die Krise nicht in Verlängerung geht, die Maßnahmen greifen, die Pandemie eingedämmt wird. Es kam anders. Der zweite Lockdown trifft die Wirtschaft hart, nagt an den Nerven der Menschen, stellt Unternehmerinnen und Unternehmer vor Herausforderungen, die alle bisherigen übertreffen. Was der Präsident der WK Tirol im Sommer festhielt, bleibt gültig und wiegt schwer.

„Konsumenten und Unternehmer müssen Vertrauen fassen, betonen namhafte Ökonomen. Jeder Einzelne muss seinen Beitrag leisten: Die Betriebe mit mutigen Entscheidungen, die Arbeitnehmer mit Zug zur Leistung, die Käufer mit einheimischen Konsumimpulsen, die Opposition mit konstruktiver Kritik – und jeder von uns mit viel Eigenverantwortung im Umgang mit Corona“, hatte Walser festgestellt. Denn Wirtschaft ist Psychologie – auf allen Ebenen. Und mit all den Bergen, die es zu überwinden gilt.

Grundlegende Werte bedroht

Diese Berge können nicht klein geredet werden, sollen sie auch nicht. „Wenn eine Krise so lange andauert, kann man bereits von einem Katastrophenszenario sprechen. Die Charakteristika einer Krise sind auf jeden Fall eine gravierende Bedrohung von grundlegenden Werten – wie unser Leben, Finanzen, die Existenzgrundlage, unsere Gesundheit, unser Besitz und ähnliches mehr“, bringt Dietmar Kratzer auf den Punkt, was allgemein gilt und was zahlreiche Unternehmerinnen und Unternehmer des Landes im Tsunami der Corona-Krise empfinden.

Kratzer ist Klinischer und Gesundheitspsychologe sowie Notfallpsychologe. Er arbeitet nicht nur an der Universität Innsbruck, sondern auch im Österreichischen Roten Kreuz im Bereich Krisenkommunikation, Krisenmanagement und ist dort Leiter der Krisenintervention für Tirol. Sein professioneller Blick auf Krisensituationen, was sie kennzeichnet und wie ihnen begegnet werden kann, beginnt mit einer Diagnose, die so schonungslos ist, wie unbedingt notwendig. „In einer Krisensituation haben wir eine eingeschränkte Kontrolle, hohe Unsicherheit, in der Regel ein Informationsdefizit und Zeitdruck. Aber wir wissen, irgendwann endet sie – das hat auch etwas Positives“, sagt er.

Die Sehnsucht nach diesem Ende wächst direkt proportional zur vergehenden Zeit. Das ist eine Mischung, in der durchaus ein Eskalationspotenzial steckt und von Verantwortungsträger eine besondere Krisenfestigkeit und fast Unmögliches fordert: In einer Bedrohungssituation unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen, ohne alle Umstände einschätzen zu können. Das ist Brutalität.

Psyche stark strapaziert

Eine Brutalität, die mit dem zweiten harten Lockdown gesteigert wird. Und die Psyche von Führungspersonen aufs Äußerste strapaziert. „Gute Krisenmanager und Führungskräfte kommen auch unabhängig von COVID-19 immer wieder in die Situation, Krisen managen zu müssen – zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, viel und hohen Stress auszuhalten ohne ihn auszuagieren. Sie haben keine Angst vor Verantwortungsübernahme und haben die Fähigkeit, rasche Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen.

Je nach Persönlichkeit können diese Bereiche Führungskräfte mehr oder weniger unter Druck setzen“, weiß Kratzer und hält fest: „Hier kann gesagt werden, dass keine Entscheidungen zu treffen meist kontraproduktiver ist, als Entscheidungen zu treffen, die sich im Nachhinein als weniger gut herausstellen.“ Das Eingestehen von Fehlentscheidungen aufgrund von fehlender Information und Unsicherheit, ist keine Schwäche, sondern eine Tugend im Sinne der Krisenkommunikation und gibt Kontrolle über schwer überschaubares Geschehen zurück.

Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Transparenz

Die Dynamik beziehungsweise Aktivität, die in dieser Feststellung steckt, umfasst auch die Notwendigkeit, rasch und proaktiv zu kommunizieren – nach innen, also gegenüber den Mitarbeiter, genauso, wie nach außen – also gegenüber Geschäftspartnern. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Transparenz sind dabei entscheidend. „Kommunikation von der Firmenleitung zu den Beschäftigten und von den Mitarbeitern zur Leitung gilt es zu fördern. Das schafft Arbeitszufriedenheit, welche wiederum ausschlaggebend für so etwas, wie organisationale Resilienz ist: Dies ist die Voraussetzung für die Schaffung einer neuen Basis“, so Kratzer.

Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, ist das Wort der Krisenstunde. Wobei Kratzer mit organisationaler Resilienz nicht nur die Fähigkeit eines Systems anspricht, Stress auszuhalten, sondern auch die Erholungsfähigkeit, also die Zeit, die ein System braucht, um wieder zum normalen Funktionieren zurückzufinden. Es klingt abstrakt, wenn der Psychologe davon spricht, wie entscheidend für die Resilienz auch die Kreativität und Lernfähigkeit der Systeme ist, die Fähigkeit aus Krisen etwas Neues zu lernen bzw. entstehen zu lassen. Wird er konkret, und legt die Theorie auf das innerbetriebliche Wechselspiel um, wird rasch klar, was er meint und wie entscheidend das sein kann.

„Betriebe sollten das Wissen, die Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nützen, in Anspruch nehmen und gleichzeitig fördern. Dies stärkt das Selbstbewusstsein, die Selbstwirksamkeit und Arbeitszufriedenheit der Beschäftigten“, so Kratzer. Derart resiliente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können zu einem resilienten Betrieb beitragen, aktiv mithelfen, schlechte Nachrichten und Krisen zu meistern und die Gefahr eines Burnouts abzuwenden. Im Kleinen wie im Großen zieht sich die Kraft durch, die Präsident Walser im Beitrag jedes Einzelnen ortet und Kratzer weiß: „Wir brauchen in Krisen unbedingt Tatkraft und Optimismus – auch wenn es nicht immer leicht ist. So unter dem Motto: Anstrengung lohnt sich, das Leben und die damit verbundenen Aufgaben sind bewältigbar auch unter widrigen Umständen.“

Dynamik braucht Handlungsspielräume

Widrig sind sie wirklich, die Umstände, in denen sich die Tiroler Unternehmerinnen und Unternehmer gerade zurechtfinden und versuchen müssen, jene Dynamik aufrecht zu erhalten, die das Unternehmertum ausmacht beziehungsweise definiert. „Dynamik entfaltet sich nur dort, wo es Handlungsspielräume gibt. Und darauf sollte man seine Aufmerksamkeit hinlenken. Es macht keinen Sinn, seine Energie dort zu investieren, wo man nicht handeln kann. Da erlebt man sich hilflos und lähmend. Das kostet Kraft, ist frustrierend und kratzt am unternehmerischen Selbstwert und am Selbstbewusstsein der Unternehmerinnen und Unternehmer“, weiß Bernhard Moritz, Obmann der Personenberater und Personenbetreuer  in der  WK Tirol.

Der Energieraub, der etwa durch das ununterbrochene Verfolgen der Nachrichten, der gefunkten Hiobs-Botschaften und den permanenten Konsum der volkswirtschaftlichen Zahlenspiele verursacht wird, ist exorbitant. Und es ist nicht einfach, sich diesbezüglich zurückzuhalten und aufs Wesentliche zu konzentrieren. Sich selbst etwa, die eigenen Kompetenzen, die Fähigkeiten und „Einzigartigkeiten“ des Unternehmens – in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.

Weitblick über den Krisenberg hinweg

„Jemandem, dem das Wasser bis zum Hals steht, der Angst hat, dass er untergeht, zu erklären, er soll sich mit dem Ufer beschäftigen, klingt paradox. Doch gerade aus psychologischer Sicht ist es wichtig, diese Zeit der Lähmung und Einschränkung zu nutzen, für sich und das Unternehmen eine Perspektive zu entwickeln“, sagt Moritz. Dass es nichts bringt, sich von Horrormeldungen verrückt machen zu lassen, Verschwörungstheorien nachzugehen oder sich an jeden verbalen Strohhalm der Politik zu klammern, ist klar. „Es braucht psychologischen Abstand von Corona und es gilt, sich mit strategischen Fragen zu beschäftigen: Was wird sich in meiner Branche nach Corona verändern? Was wird weiterhin so sein, wie bisher? Was wird nicht mehr so sein, wie bisher? Was zeichnet sich Neues ab, von dem ich profitieren kann?“

In dieser Beschäftigung steckt Lebendigkeit, steckt Dynamik, steckt der Weitblick über den Krisenberg hinweg. Doch um in diese Richtungen denken, handeln und entscheiden zu können, bedarf es einer psychologischen Kraft, die oft erst wieder entfesselt werden muss. Um das zu erreichen, sind die Strategien und Möglichkeiten so vielfältig wie die Menschen selbst.

Perspektivenwechsel als Chance

Das Bildungshaus St. Michael der Diözese Innsbruck bietet beispielsweise mit dem Führungskräfteseminar „Ganz zu mir kommen # offline_gehend den Stress des Alltags ablegen“ Ende Jänner 2021 professionelle Begleitung respektive Unterstützung, um die dafür nötige Ruhe zu gewinnen und „die Erfahrungen in herausfordernden beruflichen Situationen gemeinsam zu reflektieren“. Dass der Corona-bedingte Perspektivenwechsel ein Grundstein für Neues, Besseres sein kann – wenn er richtig genützt wird – ist ein Kern dieses Seminars.

Zur Ruhe kommen, sich auszutauschen und die Hilfe professioneller Beraterinnen und Berater oder Coaches in Anspruch zu nehmen, ist ein Reigen, der zum Ziel führen kann, die Widerstandsfähigkeit zu erlangen und die horrormeldungsbedingte Lähmung durch Perspektiven zu ersetzen. „Da wackelt gerade ein Lebenswert. Da wird gerade der nächste Expansionsschritt gebremst. Da hat man gerade eine große Investition gemacht und darauf gehofft, dass durch eine tolle Auftragslage sich die Investition auch amortisiert und jetzt folgt der unternehmerischen Shutdown“, skizziert Bernhard Moritz eine Momentaufnahme der chaotisch-verzweifelten Lage und sagt: „Natürlich darf man seine Wut, seinen Zorn, seine Enttäuschung und seine Hilflosigkeit von der Seele reden. Man darf nicht nur laut werden, sondern auch laut ‚Scheiße‘ schreien.“

All das muss sein. Wichtig ist nur, wo, wem gegenüber und wie dem Frust freien Lauf gelassen wird. Und dann, ja dann muss es weiter gehen. Denn Dietmar Kratzer hat einfach recht, wenn er sagt: „Wir brauchen in Krisen unbedingt Tatkraft und Optimismus – auch wenn es nicht immer leicht ist.“

Im Interview gibt Bernhard Moritz, Obmann der Tiroler Personenberater und Personenbetreuer ganz konkrete Tipps für das Meistern der Krisensituationen. „Raus aus der Situation, raus aus dem Betrieb, Dampf ablassen“, ist wichtig, wenn der emotionale Kelomat zu explodieren droht.

In der Mischung aus eigenen Ängsten und Sorgen und der Verantwortung für die mit ihren Ängsten und Sorgen beschäftigten Mitarbeiter steckt ein durchaus explosives Potenzial. Wie sollte eine Führungskraft den eigenen Ängsten und Sorgen begegnen?

Das Wichtigste ist zuerst einmal, sich selber einzugestehen, dass man Angst hat, sich Sorgen macht und auf viele Fragen keine Antwort weiß. Wer glaubt, er kommt mit der Strategie „cooler Hund“ durch, der wird scheitern. Ängste und Sorgen sind wie Viren. Sie befallen einen immer wieder und es gibt kein wirkliches Mittel dagegen. Außerdem nehmen einem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das sowieso nicht ab. Sie spüren das sehr genau, wenn man Theater spielt. Umso wichtiger ist es, für sich selber einen neutralen Ort zu suchen, an dem die eigenen Ängste und Sorgen Raum und Zeit finden.
Es ist hilfreich, sich in einem geschützten Raum mit einer neutralen aber vertrauten Beraterin oder eine Berater zu  besprechen und gemeinsam die vorhandenen Problem zu reflektieren. So können in aller Ruhe Strategien entwickelt werden, um den negativen Auswirkungen auf sich selbst, das eigene Privatleben aber auch auf die Firma und deren Beschäftigte entgegenzuwirken.

Und wenn es soweit ist, dass der emotionale „Kelomat“ kurz vor dem Explodieren ist?

Raus aus der Situation, raus aus dem Betrieb und Abstand, eine Runde Spazierengehen und erst dann wieder sich dem heiklen Thema widmen. Dann ist schon viel Dampf aus dem Kessel und man kann wieder ruhiger und sachlicher mit den anstehenden Herausforderungen umgehen.

Es ist nicht leicht, Verhalten oder kommunikative Abläufe im Unternehmen zu ändern beziehungsweise der krisenhaften Zeit anzupassen. Gibt es einen groben Fahrplan, an den man sich halten kann?

Krisen charakterisieren sich dadurch, dass zum einen der Informationsbedarf steigt und gleichzeitig die Verlässlichkeit der vorhandenen Informationen schwindet. Das heißt letztlich, dass die bisherige Info-Strategien nicht mehr tauglich sind. Als groben Fahrplan könnte man drei Punkte anführen:

  • Regelmäßigkeit: In Krisen ist es wichtig, dass zumindest die Regelmäßigkeit von Kommunikation verlässlich gewährleistet wird. Beispiel: Statt eben zwischen Tür und Angel was zu besprechen und das mehrmals am Tag, braucht es jetzt vielleicht mehrere kleine Videokonferenzen.
  • Informationsmanagement: Überlegen Sie gut, welche Infos Sie wie übermitteln. Nicht alles ist per Mail vermittelbar und nicht jede Info taugt für eine Zoom-Konferenz.
  • Unterschiedlichkeit: Trennen Sie Sach- und Firmen-Infos von den emotionalen Themen. Es ist wichtig, sich als Führungskraft auch für die psychisch-emotionale Seite der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu interessieren. Dies aber – gerade bei Videokonferenzen – ständig zu vermischen, ist verwirrend und trägt nicht dazu bei, dass sich die Mitarbeiter informiert oder gehört fühlen.

 

Können Sie Selbstständigen Tipps geben, wie sie sich jeden Tag aufs Neue fokussieren und auf Herausforderungen konzentrieren können?

In Krisenzeiten braucht es so etwas wie eine Leitidee, einen Slogan, der wie ein Leuchtturm in schwerer See Richtung und damit auch Zukunft gibt. Das hilft, sich positiv motiviert zu fokussieren. Auf Basis dieses Leitgedankens empfehle ich mit dem Eisenhower-Prinzip, benannt nach dem Arbeits- und Fokussierungssystem des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower, zu arbeiten; Es beruht auf einem vierstufigen „Ablagesystem“: Wichtig und Dringend – sofort selber erledigen; Wichtig und Nicht Dringend – Termin zuweisen und selber erledigen; Nicht wichtig und Dringend - An kompetente Mitarbeiter delegieren; Nicht wichtig und nicht Dringend – (noch) nicht bearbeiten.

Hilfreiche Tipps rund um das Thema psychische Belastung zum Downloaden und Ausdrucken finden Sie auf der Homepage der Fachgruppe „Personenberatung und Personenbetreuung“ unter www.lsb.tirol