Digitale Berufsorientierung hilft gegen realen Fachkräftemangel

Die Wirtschaft nimmt zum Glück wieder Fahrt auf. Doch damit wird auch der Fachkräftemangel wieder akut. Damit Talente ihren richtigen Platz finden, braucht es professionelle Berufsorientierung – in Corona-Zeiten verstärkt über digitale Kanäle.

Es erscheint auf den ersten Blick paradox: Die Arbeitslosenzahlen befinden sich Corona-bedingt auf einem Rekordstand – aber trotzdem fehlen in zahlreichen Betrieben Fachkräfte und Lehrlinge. Das liegt daran, dass Qualifikation und Anforderungsprofil in vielen Fällen nicht übereinstimmen. „Um dieser Schere entgegenzuwirken, kommt der Aus- und Weiterbildung besondere Bedeutung zu – und im Vorfeld: der professionellen Berufsorientierung“, erklärt der für Bildungsagenden zuständige WK-Vizepräsident Manfred Pletzer.

Ein wesentlicher Teil des Fachkräftemangels liegt darin begründet, dass Menschen ihre Potenziale nicht ausschöpfen. „Bevor Qualifizierung punktgenau greifen kann, ist es speziell für junge Menschen wichtig, dass sie den für sie optimalen Berufsweg finden“, so Pletzer. Auch der Bildungsdirektor der OECD, Andreas Schleicher, forderte letzte Woche, dass die Themen Berufsberatung und Arbeitswelt in den Schulen der OECD-Länder einen deutlich höheren Stellenwert bekommen sollten. „Man kann nicht werden, was man nicht kennt“, erklärte Schleicher, „es besteht ein großes Risiko, dass wir die nächste Generation für unsere Vergangenheit ausbilden und nicht für deren Zukunft.“

Neue Wege der Vermittlung

Damit Aus- und Weiterbildung voranschreiten kann, widmet sich das Bildungsconsulting der WK Tirol auch in Corona-Zeiten intensiv der Berufsorientierung. „Der Lockdown und das Home-Schooling brachten bewährte Projekte der Berufsorientierung zum Stillstand. Das Bildungsconsulting der WK Tirol war gefordert, neue Wege der Vermittlung zu gehen. Inzwischen hat sich die Digitalisierung in sämtlichen Phasen des Berufsorientierungs-Prozesses bewährt“, erklärt Markus Abart, Teamleiter für Berufsorientierung des Bildungsconsultings.

Schritt 1: Bewusstsein schaffen. Der erste wichtige Schritt in der Berufsorientierung von Jugendlichen ist das Sammeln von Informationen und das sprichwörtliche Orientieren im Dschungel an Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Dieser Prozessschritt kann sehr gut in die digitale Welt transformiert werden. Die Tiroler Berufsorientierungsplattform berufsreise.at wurde um neue Inhalte ergänzt und ausgebaut.

Schritt 2: Informieren. Nach dem Wecken des Interesses für die Berufsorientierung folgt die Phase des Informierens. In der Corona-Zeit wurden zahlreiche Informationsveranstaltungen in Form von Webinaren durchgeführt. Im Herbst werden im Rahmen der Bildungsoffensive der WKÖ mit modernster Technik und jugendgerechtem ­Storytelling Videos für virtuelle Betriebsbesichtigungen in Tiroler Unternehmen gedreht. Diese ermöglichen einen intensiven Einblick in verschiedene Berufswelten.

Vertiefte Berufsorientierung

Schritt 3: Analysieren. Mit heurigem Herbst wird das Bildungsconsulting mit dem selbst entwickelten Interessentest „Picta“ ein leicht zugängliches und verlässliches Instrument für Schulen, Jugendliche und Eltern anbieten. Auch die vertiefte Berufsberatung mit der Talent-Card – der Potenzialanalyse für Jugendliche – wird zukünftig verstärkt aus der analogen Welt in die digitale Welt geholt.

Schritt 4: Ausprobieren. Schwieriger als die Informationsvermittlung ist die Übertragung des Sammelns eigener Erfahrungen und des Ausprobierens von Tätigkeiten in die digitale Welt. Erste Erkenntnisse zur Übertragung von praxisorientierten Angeboten auf digitale Kanäle wurden in der Corona-Zeit mit der Online-Durchführung des Tiroler Landeswettbewerbs der Junior Companies gesammelt. Das vom Bildungsconsulting eigens entwickelte Fähigkeiten-Modell FUTUR wurde ebenfalls erfolgreich auf die digitale Vermittlung umgestellt. Dabei wird den Jugendlichen praktisch aufgezeigt, welche Fähigkeiten in Zukunft wichtiger werden.

Schritt 5: Vertiefen. Den letzten Schritt im Berufsorientierungsprozess stellen das Vertie­fen und die Umsetzung der getrof­fenen Entscheidung dar. „Auch hier hat die Corona-Zeit für einen digitalen Schub gesorgt. Viele Unternehmen legen inzwischen besonderes Augenmerk auf die eigenen ­Firmenhomepages, den Auftritt in sozialen Medien oder die Umstellung des Bewerbungsprozesses auf digitale Methoden“, so Abart. So sind Bewerbungsgespräche per Video­konferenztool keine Seltenheit mehr und ­ermöglichen das Kennenlernen potenzieller künftiger Mitarbeiter auch auf Distanz.

„Die Digitalisierung der Berufsorientierung stellt sicher, dass eine fundierte Berufswahl mit der daran anschließenden Qualifizierung auch in Corona-Zeiten stattfinden kann“, betont Manfred Pletzer.

Bild oben: Berufsorientierung hilft Jugendlichen dabei, ihre Talente zu entdecken und für ihre Ausbildung die richtigen Weichen zu stellen. Damit das auch in Corona-Zeiten möglich ist, werden digitale Angebote ausgebaut.

Wie hat Corona die Berufsorientierung verändert?
Dort, wo es sinnvoll ist, stellen wir Inhalte in digitaler und leicht zugänglicher Form zur Verfügung. Das macht vor allem bei der Bereitstellung und Strukturierung wichtiger Informationen für Jugendliche und deren Eltern Sinn und wird über die Corona-Zeit hinaus Bestand haben.

Wird die Berufsorientierung in Zukunft ausschließlich digital?
Die Berufsorientierung wird „hybrid“, das heißt, dass Elemente aus der realen Welt mit digitalen Informationen und Inhalten aus der virtuellen Welt ergänzt werden. Das bereichert die Berufsorientierung und macht sie Corona-tauglich.

Muss „digital“ auch gelernt werden?
Das berufliche Kommunizieren über digitale Kanäle sollte auch mit Experten geübt werden. Wichtige Lerninhalte vor dem Einstieg in die Arbeitswelt wie die Erstellung und der Versand von Bewerbungsunterlagen, die Vorbereitung auf die Online-Bewerbung und das angemessene Verhalten in Video-Bewerbungsgesprächen können sinnvoll in digitale Informationsformate übersetzt und den Jugendlichen zugänglich gemacht werden.

»Weitere Informationen: www.bildungsconsulting.at