Mit der Lehre ganz an die Spitze

Die österreichische berufliche Bildung ist Weltspitze. Umso unverständlicher ist es, dass die Gleichwertigkeit zum schulisch-akademischen System fehlt. Das soll sich mit einem in Tirol entwickelten Modell ändern. 

Die Schweiz hat's getan. Deutschland hat's getan. Und Österreich könnte auch bald dazu gehören. Die Rede ist vom beruflichen Bildungssystem, das eine völlig gleichwertige Alternative zu akademisch-theoretischen Ausbildungen werden soll. Das ist jetzt schon der Fall – aber nur in Teilbereichen. Unbestritten ist, dass die Lehre ein Erfolgsmodell ist, um das uns die Welt beneidet: hohe fachliche Kompetenz, niedrige Jugendarbeitslosigkeit und österreichische Lehrlinge und Meister, die laufend internationale Berufswettbewerbe gewinnen.

Doch das duale System selbst ist ausbaufähig: Während mit Stufe 6 des Nationalen Qualifikationsrahmens (NQR) – also nach der Meister- bzw. Befähigungsprüfung - Schluss ist, reichen schulisch-theoretische Ausbildungen bis zur Stufe 8. Zudem bestehen Lücken bei NQR 5 – unverständlich für WK-Vizepräsident Manfred Pletzer, der in der Wirtschaftskammer Tirol für die Bildungsagenden zuständig ist: "Das ist eine Schieflage, die das erfolgreiche berufsbildende System nicht verdient hat."

Auch in der Schweiz wurde das Berufsbildungsgesetz bereits novelliert

In der Schweiz ist diese Gleichwertigkeit bereits in einigen Branchen umgesetzt. Und Deutschland hat gerade einen großen Schritt bei der Aufwertung der dualen Ausbildung gemacht und das so genannte Berufsbildungsgesetz novelliert (siehe auch Interview mit der deutschen Bildungsexpertin Kornelia Haugg). Kernpunkt der Novelle ist die Gleichwertigkeit von Berufsausbildungen mit schulisch-akademischen Abschlüssen.

Das Gesetzespaket beinhaltet unter anderem Entbürokratisierungen, die Erleichterung von Teilzeitausbildungen, den massiven Ausbau von Förderungen und die Stärkung der höher qualifizierenden Berufsausbildung. Der deutsche Gesetzgeber hat die neuen Fortbildungsbezeichnungen "Geprüfter Berufsspezialist", "Bachelor professional" und "Master professional" eingeführt, um diese Gleichwertigkeit auch nach Außen sichtbar zu machen. Die Novelle tritt mit 1.1.2020 in Kraft.

Diese klare Entscheidung in Deutschland bringt auch für die Weiterentwicklung der Lehre in Österreich Rückenwind – gerade zum richtigen Zeitpunkt. Die Wirtschaftskammer Tirol hat das Modell der "Neuen Dualen Berufsbildung" bis zur Praxisreife entwickelt, das – abgestimmt auf die österreichische Gesetzeslage - die Gleichwertigkeit des beruflichen und des schulisch-akademischen Bildungswegs herstellt.

Politik muss die einmalige Chance rasch nutzen

"Die aktuellen Chancen auf Umsetzung stehen gut: Die höhere Berufsbildung ist im Positionspapier der WKÖ für die Koalitionsverhandlungen enthalten und wird von Präsident Harald Mahrer als Mitglied des Verhandlungsteams eingebracht", erklärt Christoph Walser. Der Präsident der WK Tirol ruft die Politik auf, diese einmalige Chance zu nutzen.

Mit dem Modell der Neuen Dualen Berufsbildung lässt sich erstmals ein eigenständiges und durchgängiges berufspraktisches Bildungssystem schaffen, das mit der zweiten Säule, dem akademisch-schulischen System, auf Augenhöhe steht. "Diese Weiterentwicklung bietet allen, die praktisch veranlagt sind und hoch hinaus wollen, eine überzeugende und gleichwertige Alternative zum schulisch-akademischen Bildungssystem und ist ein wesentlicher Schlüssel zur Bekämpfung des Fachkräftemangels", so Walser.

» Mehr Informationen: WKÖ Forderungspapier - Was Österreich jetzt braucht

 

wirtschaft.tirol: Was verändert sich in Deutschland bei der Berufsbildung?
Kornelia Haugg: Das Berufsbildungsgesetz sieht nun eine Mindestvergütung für Auszubildende, international vergleichbare Abschlussbezeichnungen und verbesserte Möglichkeiten zur Teilzeitausbildung vor. Der Bundestag hat dieser Novelle bereits zugestimmt, die Entscheidung im Bundesrat folgt noch. Wenn der Fahrplan hält, werden die Neuerungen mit Jänner 2020 in Kraft treten. Eine qualitativ hochwertige Ausbildung für Fachkräfte ist für den Erfolg des Standorts Deutschland entscheidend.

Gibt es darüber hinaus weitere Maßnahmen?
Das Berufsbildungsgesetz wird von zwei weiteren Säulen flankiert. Zum einen ist das die massive Verbesserung der Förderungen für die berufliche Fortbildung. Damit werden deutliche Anreize zur Höherqualifizierung gesetzt. Bis 2021 stehen dafür zusätzliche 350 Millionen Euro zur Verfügung. Zum anderen sorgt ein hoch dotierter Innovationswettbewerb dafür, dass am Bildungsmarkt neue Aus- und Weiterbildungsmodelle entwickelt und angeboten werden. Die eingereichten Ideen sind vielversprechend und bieten neue Perspektiven in der Berufsbildung.

Warum ist es so wichtig, die höhere Berufsbildung auszubauen?
Wir leben in einer Optionengesellschaft. Selbst wenn die höchsten Stufen der Berufsbildung letztendlich nicht von allen genutzt werden, ist das Bewusstsein wichtig, dass eine Höherqualifizierung jederzeit möglich wäre. Wenn diese Option nicht gegeben ist, wird bei der Ausbildungsentscheidung häufig der schulisch-akademische Weg eingeschlagen, auch dann, wenn von den Neigungen und Talenten her ein berufspraktischer Bildungsweg objektiv betrachtet besser geeignet wäre. Die Neuerungen beseitigen die bisherige Schieflage und machen die Berufsbildung attraktiver.

 

Die wichtigsten Eckpunkte des neuen Berufsbildungsgesetzes:

  • Höherqualifizierte Berufsbildung und Studium gleichgestellt
  • Neue Berufsbezeichnungen
  • Mindestvergütung für Auszubildende
  • Ausbildung in Teilzeit erleichtert
  • Mehr Durchlässigkeit zwischen aufeinander aufbauenden Ausbildungsberufen
  • Prüfungswesen flexibilisiert
  • Ehrenamt gestärkt
  • Erwachsene Auszubildende bei der Freistellung für den Schulbesuch mit jugendlichen Auszubildenden gleichgestellt
  • Bürokratie abgebaut

NDB-Grafik_1_neu Die Neue Duale Berufsbildung schließt Lücken bei NQR 5,7 und 8 und stellt damit die Gleichwertigkeit zum schulisch-akademischen Bildungssystem her. Deutschland hat das mit der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes gerade umgesetzt und damit die Attraktivität der dualen Ausbildung gesteigert.