Mobilität anders denken

Beim heurigen Wirtschaftsdialog der Tiroler Sparkassen diskutierten Experten über die Mobilitätswende. WK-Präsident Christoph Walser forderte dabei "Zukunftslösungen statt Stückwerk" ein.

Der Wirtschaftsdialog der Tiroler Sparkassen widmete sich der Frage, wie wir uns und unsere Warenströme künftig effizient und sicher transportieren. Dieses Thema könnte für Tirol nicht aktueller sein. Die Veranstaltung hatte sich zum Ziel gesetzt, der Mobilitätswende auf den Grund zu gehen: Autonomes Fahren, Großstädte ohne Verkehrschaos, Autos ohne Emissionen, Reisen ohne Stress. Ein Blick in die heimische Realität macht klar, dass hier eine große Lücke zwischen Gegenwart und Zukunft klafft. Autonomes Fahren steckt in der Praxis noch in den Kinderschuhen; speziell der Großraum Innsbruck ist ein einziges, permanentes Verkehrschaos; und dass Reisen noch jede Menge Stress verursacht, zeigt jedes Wochenende die heikle Situation auf der Inntalautobahn.

Verkehrsexperten Verkehrs-Experten unter sich. Viele Wege - ein Ziel: die Mobilität der Zukunft nachhaltig und effizient zu gestalten. Bild: Thomas Steinlechner.

Innovatiove Ansätze

Um in dieser komplexen Debatte ein Stück weiterzukommen, diskutierten an diesem Abend Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft über aktuelle Entwicklungen. Die chinesische Firma EHang sieht die Zukunft in Lufttaxis, in Hessen läuft gerade ein Projekt mit Oberleitungs-Lkw auf der Autobahn, Leitner-Ropeways stellte die Möglichkeiten von Seilbahnen im urbanen Raum vor, die Firma Swarco präsentierte Effizienzsteigerung durch intelligente Ampelsysteme, der VVT berichtete über Innovationen im öffentlichen Verkehr und die innovative Mitfahr-Plattform ummadum eröffnete neue Perspektiven im Individualverkehr.

Der Innsbrucker Universitätsprofessor Markus Mailer betonte in seinem Statement, dass zusätzlich zu neuen Technologien auch eine Verhaltensänderung nötig sein wird. Für Mailer steht bei der Forschung zur Mobilität in Zukunft der Mensch im Mittelpunkt. Für ihn beginnen Verkehrskonzepte beim Fußgänger und enden bei strukturellen Ansätzen von Verkehrsmanagement und der Planung von Verkehrswegen. Er ist sich sicher: "Die Mobilitätswende ist eine Verkehrswende, die auf geänderten Verkehrssystemen beruht."

Mailer setzt auf eine Kombination von Technologie und Verhaltensänderung und nennt dafür folgende vier Voraussetzungen: Elektrifizierung, Digitalisierung, Sharing und Automatisierung. Die große Herausforderung liegt für Mailer in der Gewinnung der nötigen nachhaltig erzeugten Energie - vor allem dem Ausbau der Wasserkraft und der Nutzung der Photovoltaik. Zur Erreichung der Energieautonomie 2050 müsste der Verkehr 70 Prozent der Energie einsparen. Die Zukunft liegt für Mailer in einer innovativen Kombination aus Verkehrsträgern - und einer Verhaltensänderung. Bestes Beispiel dafür ist die aktuell ineffiziente Besetzung der Pkw, die lediglich bei 1,2 Personen liegt.

80.000 Pakete pro Tag

Die Wirtschaftskammer Tirol war durch Präsident Christoph Walser vertreten, der zu Beginn seiner Ausführungen die Ausmaße des Warenverkehrs in Tirol skizzierte: Täglich werden 140.000 Tonnen Waren transportiert. Das sind 200 Kilogramm pro Tirolerin und Tiroler. Alleine 80.000 Pakete werden täglich in Tirol zugestellt. "Diese Anforderungen erfordern Zukunftslösungen statt Stückwerk", betonte Walser. Der derzeitige Fleckerlteppich an Ge- und Verboten sei wenig effektiv und trage auf Dauer nicht zur Entschärfung der Verkehrsproblematik bei. Zudem drängte Walser auf Sachlichkeit und einen ehrlichen Umgang mit den Fakten: "Eine der wichtigsten Voraussetzungen für konstruktive Lösungen beim Thema Verkehr ist Ehrlichkeit. Verkehr ist zum großen Teil die Auswirkung auf Nachfrage an Gütern. Daher brauchen wir funktionierende Transportsysteme.

Alternative Antriebskonzepte zu fördern und zum Einsatz zu bringen ist ein wichtiger Teil der Lösung." Dazu gehören den Ausbau der Logistik-Zentren und die (Wieder-)Eröffnung von Ladestationen im Schienenbereich; Investitionen in die bestehenden Regionalterminals für den kombinierten Verkehr; City-Logistik-Modelle für mittelgroße Gemeinden mit alternativer Belieferung der last mile; Car-Sharing-Modelle für Unternehmen auch für Lieferverkehr; Unternehmensunabhängige Stationen für Kurier-, Express und Paketlieferungen; sowie eine Tälerlogistik mit White-Label-Mikro-Hubs, also anbieterneutralen Logistikzentren an den Stadträndern.

Die Wirtschaftskammer hat sich zum Ziel gesetzt, beim Thema Mobilitätswende nicht bloß zu reagieren, sondern fundierte Lösungsansätze auf den Tisch zu legen. In den kommenden Wochen wird die WK ihre Vorstellungen zur Mobilität der Zukunft in Tirol präsentieren.

 

Im TW-Interview nimmt Verkehrsexperte Markus Mailer, Professor am Institut für Infrastruktur der Uni Innsbruck, zu den Herausforderungen der Zukunft Stellung.

TW: Was kann jeder einzelne zum Gelingen der Mobilitätswende beitragen? Welchen Beitrag muss die Politik leisten?
Mailer: Das Mobilitätsverhalten hängt wesentlich ab von Mobilitätsoptionen und Verkehrsangeboten, den Preisen und der Qualität der Infrastrukturen. In den letzten Jahrzehnten ist durch die Änderung der Verkehrssysteme mit einer zunehmenden Nutzung von Kraftfahrzeugen in der Personen- und Gütermobilität der Verbrauch fossiler Treibstoffe stark und stetig gestiegen und damit verbunden auch Schadstoff- und Lärmbelastungen. Im Zeichen der Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit soll durch die Verkehrswende eine Trendumkehr erreicht werden.

Um ein nachhaltigeres Verhalten zu erreichen, muss die Politik also dafür sorgen, dass Alternativen zur derzeit ressourcenzehrenden Nutzung der Pkw bzw. Lkw attraktiver werden. Das heißt die Nahmobilität zu Fuß oder mit dem Fahrrad und den Öffentlichen Verkehr durch gute Angebote und Infrastrukturen stärken. Das beinhaltet auch die Schnittstellen wie z.B. Park-and-Ride. Wenn gute Alternativen bestehen, werden auch Einschränkungen für den Straßenverkehr den Umstieg unterstützen. Jeder einzelne kann dann leichter sein Mobilitätsverhalten ändern, kurze Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen und häufiger den Öffentlichen Verkehr nutzen.

Verkehrsexperte Markus Mailer

Was halten Sie vom Vorschlag, für die Belieferung der Innenstädte E-Lkw einzusetzen?
Alternative Antriebstechnologien sind wichtig, um höhere Energieeffizienz und weniger Luftschadstoffe zu erreichen. Auch diese Technologien gilt es stärker zu fördern. Dies gilt sowohl für den Personen- als auch den Güterverkehr. Der Einsatz von E-Fahrzeugen ist in Kombination mit verbesserten Logistikkonzepten für die Belieferung in Innenstädten ein guter Schritt.

Über den Brenner fahren jährlich rund 2,5 Millionen Lkw und 11,5 Millionen Pkw. In der Diskussion über Verkehrsbeschränkungen geht es immer nur um den Lkw. Ist das nicht zu kurz gedacht?
Der Transitverkehr hat eine besonders hohe und kritische Wahrnehmung, da das Land bzw. seine Bevölkerung damit keinen Nutzen verbindet. Natürlich werden speziell mit dem Lkw-Transit hohe negative Wirkungen – Lärm- und Luftschadstoffemissionen, Stau, aber auch Abnützung der Straßeninfrastruktur – in Verbindung gebracht. Mit den aktuellen Beschränkungen versucht man diesen Folgen entgegenzuwirken. Hier muss sicher weiter an langfristigen Lösungen gearbeitet werden, um eine Verkehrsverlagerung zu erreichen, den Güterverkehr auf der Schiene zu attraktiveren und Umwegfahrten durch Tirol zu vermeiden. In diesem Sinn ist auch das mögliche Potential einer Transitbörse zu sehen. Der Pkw-Urlaubertransit war im Sommer ein Thema vor allem wegen der auch durch Baustellen bedingten Ausweichverkehre ins untergeordnete Straßennetz, die zu Überlastungen führten und damit die Mobilität der Bevölkerung einschränkten.

Auch in diesem Bereich wurden „Notmaßnahmen“ ergriffen. Zukünftig sollte hier ebenfalls langfristig und strategisch über Verkehrsmanagement nachgedacht werden. Nicht zu übersehen ist dabei die Überlagerung mit dem hausgemachten Verkehr. An einem durchschnittlichen Werktag werden von der Tiroler Bevölkerung etwa 1,4 Millionen Pkw-Fahrten zurückgelegt. Im Tourismus gibt es in Tirol über 24 Millionen An- bzw. Abreisen im Jahr, davon deutlich über 80 Prozent mit dem Pkw. Wegen der kürzeren Aufenthalte überlagern sich diese Fahrten immer häufiger mit dem Tiroler Alltagsverkehr. Am Wochenende überlagert sich der Urlauberschichtwechsel mit Tagestouristen und natürlich mit den Freizeitwegen der Einheimischen. Um diese Überlagerungen zu entzerren, braucht es eine ganze Palette von Maßnahmen, die nicht nur alle Verkehrsarten, sondern auch die Strukturen von Angebot- und Nachfrage berücksichtigen.