Tirol und die EU: Kleines Land, große Dynamik

So selbstverständlich die Vorteile der EU-Mitgliedschaft auch in Tirol genossen werden, so sehr lohnt sich der Blick auf die irre Dynamik, die das Land seit 1995 bewegt: So gehen etwa 63 Prozent der Tiroler Exporte in den EU-Raum.

Die Antwort auf diese Generationenfrage wird derzeit neu definiert. Bislang war davon ausgegangen worden, dass eine Generation durchschnittlich 25 Jahre umfasst. Als Orientierungspunkt dafür dient das Alter der Mütter und weil sie später Kinder bekommen, wird „eine Generation“ heutzutage mit einem Altersunterschied von mindestens 30 Jahren definiert. Beide Definitionen passen ganz gut, wenn jene Zeitspanne erfasst werden will, in der sich die österreichische und damit auch die Tiroler Wirtschaftswelt grundlegend geändert hat.

„Mit der Ostöffnung im Jahr 1989 hat bereits ein großes Umdenken eingesetzt und ab dem EU-Beitritt 1995 hat sich unheimlich viel getan“, stellt Gregor Leitner, Leiter der Abteilung Außenwirtschaft in der WK Tirol, fest. 30 Jahre nach der Ostöffnung und bald 25 Jahre nach dem EU-Beitritt Österreichs erinnert nichts mehr an „das Wohnzimmer“, in dem vor diesen entscheidenden Jahren gewirtschaftet wurde. In nur einer Generation wurde die gesamte Unternehmenslandschaft umgekrempelt – vor den Vorzeichen der Europäischen Integration.

Waren im Jahr 2000 – also fünf Jahre nach dem EU-Beitritt – noch rund 1.000 Tiroler Unternehmen im Ausland tätig, so schnellte diese Zahl im Jahr 2018 auf rund 5.000. „Da sind viele Mittelständler und auch viele kleine Unternehmen dabei“, betont Leitner den Effekt der offenen Grenzen und damit groß gewordenen Märkte für heimische KMU. Für die großen, exportorientierten Unternehmen des Landes waren die Hemmnisse, die sich aus Standzeiten an Grenzübergängen und bürokratischen Hürden ergeben hatten, noch nie ein entscheidendes Problem. Für kleine und mittelständische Unternehmen konnte ein ökonomischer Grenzübertritt jedoch allein aufgrund teurer Zertifizierungen unmöglich sein.

Starke 63 Prozent

„Ein starker europäischer Binnenmarkt sichert Wohlstand, denn im Wettbewerb mit China und den USA hätten wir allein keine Chance“, lenkt Barbara Thaler, WK-Vizepräsidentin und Tiroler Kandidatin bei der mit 26. Mai 2019 rasch nahenden Wahl zum Europäischen Parlament, den Blick auf ein europäisches Kernstück und hält fest: „Tirol ist nicht nur Tourismusland, sondern auch ein Exportland. Wir profitieren von 13 Milliarden Euro an Warenexporten, rund 63 Prozent davon gehen in die Europäische Union.“

Diese 63 Prozent haben es durchaus in sich und rücken manche verwirrenden Denkrichtungen zurecht. „Alle machen einen Hype um Asien und China, irgendwann werden es Afrika und Lateinamerika sein. Aber letztlich wird das Geschäft hier gemacht – in der EU. Das sind die Märkte für die kleinen Unternehmen. Die gehen nicht unbedingt nach China, Japan oder Brasilien“, so Leitner.

Bayern etwa, Deutschlands südlichstes Bundesland, ist für Tiroler KMU vielfach der nächstliegende Exportmarkt. Ein Markt, für den sprachlich keine großen Kopfstände gemacht werden müssen, die rechtlichen Risiken klein sind und das Denken ähnlich ist. „Als KMU orientiere ich mich eher in der Nähe, wobei betont werden muss, dass Bayern mit seinen 13 Millionen Einwohnern 20 Mal größer ist als Tirol“, rückt Leitner die Dimensionen des nahen Freistaates ins richtige Licht.

Der Binnenmarkt

Der EU-Binnenmarkt eröffnet theoretisch die Chance, rund 500 Millionen Kunden anzusprechen. Nach dem Brexit – sollte er denn vollzogen werden – werden es weniger sein und doch klingt die potenzielle Kundenzahl höchst beeindruckend, selbst wenn die Notwendigkeit der klassischen Marktbearbeitung an sich bleibt und aufgrund der unterschiedlichen Mentalitäten, Sprachen und Situationen nicht zu klein eingeschätzt werden darf.

Im Zuge der Arbeiten am europäischen Binnenmarkt sind schon zahlreiche Hürden abgebaut worden, doch kann er noch nicht mit einem Staat mit einheitlichen Regelungen verglichen werden. „Wir sind da mitten in einem Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist“, stellt Außenwirtschaftsexperte Leitner dazu fest und regt ein Umdenken im Zusammenhang mit dem doch recht gern zelebrierten Schimpfen über Regelungen „aus Brüssel“ an: „Es ist nicht Brüssel, das sich da etwas ausdenkt. Es sitzen die Vertreter der Mitgliedstaaten am Tisch und beschließen.“ Vor dem Hintergrund rückt „die EU“ ein Stück näher und bekommt auch die EU-Wahl weit mehr Gewicht. Immerhin wird dabei entschieden, wer künftig welche Interessen im Europäischen Parlament vertritt und wie dort eben auch mit noch offenen Fragen des im Ausbau befindlichen EU-Binnenmarktes umgegangen wird.

EU ganz konkret

Sich die Tiroler Wirtschaft zurückzudenken in die 1980er Jahre mag nicht mehr leicht gelingen. Zu dynamisch war die Entwicklung, die noch dazu irrsinnig schnell über die Bühne ging. „Über EFRE-Programme fließt europäisches Geld direkt zu Tiroler Unternehmen, was die Wettbewerbsfähigkeit von KMU stärkt und Forschung und Entwicklung vorantreibt. So entsteht zum Beispiel in Mieders eine innovative Fertigungsstraße und in Lienz sind Erweiterungsinvestitionen in Produktionshallen und -maschinen möglich“, macht Barbara Thaler auf europäische Dinge aufmerksam, die leichter greifbar sind und vor Ort passieren.

Mit den Regionalförderungsprogrammen werden in den einzelnen Regionen vielfältige Zeichen gesetzt und Entwicklungen angestoßen. Seien es nun die zahlreichen Projekte, mit denen die Grenzregionen zusammenwachsen – die unzähligen grenzüberschreitenden Wander- und Radwege sind hier die wohl symbolhaftesten Zeichen – oder sei es die Arbeit der Regionalmanagements, die mit EU-Geldern die Weiterentwicklung ihrer Regionen vorantreiben.

Ende März 2019 präsentierte beispielsweise das Regionalmanagement Landeck regioL seine jüngsten Kennziffern. Dabei wurde betont, dass mit Fördermitteln (EU, Bund, Land) in Höhe von 8,1 Millionen Euro bisher, also in der aktuellen Förderperiode, ein Investitionsvolumen von 58,6 Millionen Euro ausgelöst wurden.

„Die neue Förderperiode beginnt 2020/2021. In der letzten Periode konnten 536 Millionen Euro nach Österreich geholt werden, was einen Investitionsschub von zwei Milliarden Euro zur Folge hatte“, rechnet Barbara Thaler hoch und sagt: „Bei diesem gewaltigen Wirtschaftsimpuls muss auch Tirol  mitmischen.“ Stimmt.

Die Frage, wie Tirols Wirtschaft von der EU profitiert, lässt sich aufgrund der vielschichtigen Dynamik seit dem EU-Beitritt 1995 zwar nicht in einem Satz beantworten, doch Zahlen helfen dabei, die Vorteile sichtbar zu machen:

  • 63 Prozent der Tiroler Warenexporte gehen in die EU.
  • In dem Zusammenhang kann der konkrete Nutzen beispielsweise durch die generelle Zollfreiheit und den Wegfall der Grenzkontrollen im Binnenmarkt festgemacht werden – was rund 2 Prozent des Warenwertes erspart. Österreichweit werden diese Einsparungen mit 1,7 bis 4,3 Milliarden Euro beziffert.
  • Der Abbau von nichttarifären Handelshemmnissen und der gegenseitigen Anerkennung von Prüfzeugnissen ermöglicht Unternehmen Einsparungen von 15 bis 20 Prozent des Warenwertes; hohe einmalige Fixkosten würden vor allem kleine und mittlere Unternehmen belasten.
  • Im Jahr 2017 wurden Tiroler Waren/Produkte im Wert von 12,5 Milliarden Euro exportiert, 7,85 Milliarden Euro davon in andere EU-Staaten, wie Deutschland (Exportland Nr. 1 für Tirol), Italien (Nr. 3), Frankreich (Nr. 4), Großbritannien (Nr. 6) und Polen (Nr. 8).
  • Die Zahl der Tiroler Exporteure erhöhte sich von rund 1.000 im Jahr 2000 auf rund 5.000 im Jahr 2018.
  • In der laufenden Förderperiode 2014 – 2020 wurden für 599 bisher genehmigte Tiroler Projekte 47.556.543 Euro genehmigt.
  • Laut WIFO-Berechnung lag das Einkommensniveau (reales BIP/Kopf) 2015 in Österreich um 7.000 Euro pro Kopf höher als ohne Integration in die EU.
  • Der Bestand an Direktinvestitionen in Österreich hat sich seit 1995 verzehnfacht – von rund 16 Milliarden Euro im Jahr 1995 auf rund 161 Milliarden Euro im Jahr 2017.