Nachhaltigkeit in der Wirtschaft: Es geht auch anders

Viele Tiroler Firmen und Bildungsinstitutionen befassen sich intensiv mit nachhaltigen Zielen. Und sorgen dafür, dass diese große Idee in vielen kleinen Schritten im Alltag umgesetzt wird.

Nachhaltigkeit - ein Begriff, der scheinbar weit weg von unserem Alltag ist. Und doch – wir sind tagtäglich mit diesem Thema konfrontiert. Die Tiroler Verkehrsdebatte – am Ende läuft sie auf Nachhaltigkeit hinaus. Die Diskussionen um neue Wasserkraftwerke – es geht um nichts weniger als Nachhaltigkeit. Und das große Thema für die heimischen Betriebe, der Fachkräftemangel – letztlich auch eine Frage der Nachhaltigkeit in den Bereichen Recruiting und Personalentwicklung.

Trotzdem tun wir uns nicht ganz leicht mit diesem Schlagwort. Zum einen, weil oft nicht klar ist, ob es sich um bloß eine plakative politische Forderung, einen simplen Marketing-Gag – oder tatsächlich um ein ernst gemeintes Anliegen handelt. Zum anderen, weil wir über Nachhaltigkeit zwar viel hören, aber der genau Inhalt oft im Dunkeln bleibt. Dabei gibt es glasklare Definitionen und Ziele zu diesem Thema.

Von der UNO über die EU, Österreich (ein eigenes Ministerium mit diesem Zusatz im Namen), dem Land Tirol bis hin zu Unternehmen und Institutionen – sie alle beschäftigen sich intensiv mit Nachhaltigkeit. Diese spielt gerade in der Wirtschaft eine große Rolle – aber auch im Bereich Bildung.

TRIGOS für verantwortungsvolles Wirtschaften

Wer sich mit diesem Thema befasst, kommt an den Sustainable Development Goals (SDGs) nicht vorbei. Im Jahr 2015 wurde beim Gipfeltreffen der Vereinten Nationen  die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ beschlossen. Alle 193 UN-Mitgliedstaaten verpflichteten sich, die in der Agenda 2030 enthaltenen 17 nachhaltigen Entwicklungsziele umzusetzen.

Auch in der Tiroler Wirtschaft finden sich zahlreiche Ansätze, dieses Thema von der theoretischen Ebene auf den Boden der Tatsachen zu bringen - beispielsweise mit dem TRIGOS, Österreichs Preis für verantwortungsvolles Wirtschaften. Ausgezeichnet werden Unternehmen, die eine Führungsrolle und besondere Vorbildwirkung für verantwortliches Wirtschaften und Nachhaltigkeit übernehmen. Eine der Trägerorganisationen ist die Wirtschaftskammer.

Nachhaltigkeit ist aber auch in vielen Tiroler Firmen angekommen, die sich in unterschiedlicher Ausprägung dieses Themas annehmen (siehe Grafik „Nachhaltigkeit im Fokus“). Die Firma hollu Systemhygiene mit Firmensitz in Zirl hat sozial-ökologische Verantwortung strategisch fest verankert und wurde dafür auch mehrfach prämiert, zuletzt mit dem TRIGOS Tirol und dem „Austrian Sustainability Reporting Award“, kurz ASRA, der alljährlich die besten Nachhaltigkeitsberichte auszeichnet. Im Interview erläutert Geschäftsführer Simon Meinschad die Gründe für das Engagement der Firma hollu im Bereich Nachhaltigkeit.

FUTUR – Fähigkeiten der Zukunft

Eine große Rolle spielt Nachhaltigkeit im Bereich Personal und Bildung. Das Bildungsconsulting der Wirtschaftskammer Tirol widmet sich mit dem Modell „FUTUR – Fähigkeiten der Zukunft“ intensiv diesem Thema. Das Modell lässt sich auch auf Nachhaltigkeit optimal ausrichten. „Da es den strategischen Vorgaben folgt, werden diese in der Formulierung der Fähigkeiten, aber auch in der Gestaltung der Entwicklungsschritte zur Erhöhung des Reifegrades wirksam“, erklärt der Leiter des Bildungsconsultings, Wolfgang Sparer.

So kann beispielsweise das Wissen um die Bedeutung der Nachhaltigkeitsziele in der Brache und im Unternehmen für jeden Einzelnen Bereich formuliert werden und damit für alle Partner des Unternehmens und für alle Mitarbeiter als Wert und Ziel vorgegeben werden. FUTUR unterstützt den Wandel auch in Richtung Nachhaltigkeit und sichert damit nicht nur die Zukunftsfähigkeit der Unternehmens sondern auch der Wirtschaft im allgemeinen.

Im Zentrum von FUTUR steht, ausgehend von einer zukunftsorientierten beruflichen Ausbildung, effizient Kompetenzen zu ermitteln und zu entwickeln. Die Fähigkeiten der Zukunft umfassen über 60 einzelne Themen, aus denen Unternehmen die wichtigsten auswählen und zur Grundlage ihrer Personal- und Bildungsarbeit machen können – praxisorientiert und einfach in der Anwendung.

Die wichtigste Erkenntnis von FUTUR lautet: berufliche Ausbildung fördert und sichert ganzheitlich die Entwicklung von Fähigkeiten. „Auch wenn sich der Beruf wandelt, bleiben erworbene Kompetenzen bestehen und können in neuen Berufsfeldern eingesetzt werden. Damit erhält berufliche Ausbildung eine völlig neue Dimension in Hinblick auf Nachhaltigkeit“, so Sparer. Das verbessert stark die Mobilität innerhalb der verschiedenen Branchen und führt dazu, dass sich Menschen jenen Berufen annähern, die am besten zu ihnen passen.

Für die Wirtschaft ist dieses Modell wegweisend, da sich damit wesentlich besser erkennen lässt, welche Fähigkeiten jeweils an einer Stelle im Unternehmen tatsächlich benötigt werden. Gleichzeitig werden auch anhand von Reifegraden Entwicklungsperspektiven für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgezeigt. Dieses Modell ist somit ein effizientes Mittel gegen den Fachkräfte-Mangel. Zur Umsetzung des Fähigkeitenmodells in Bildungseinrichtungen und Unternehmen hat das Bildungsconsulting ein spezielles Beratungsprogramm entwickelt, das unter www.bildungsconsulting.at kostenlos angefordert werden kann.

Bildung ist der Schlüssel

Bildung für nachhaltige Entwicklung hat das Potential, Menschen die Möglichkeit zu bieten, die Kompetenzen zu entwickeln und zu trainieren, die sie benötigen, um die „global grand challenges“ (1) zu meistern. Damit kommt den so genannten „Zukunftskompetenzen“ eine zentrale Rolle zu. Sie befähigen Menschen zur aktiven und verantwortungsvollen Gestaltung von Gegenwart und Zukunft und tragen dazu bei, dass sie sich als selbstwirksam erleben können.

Diese „Zukunftskompetenzen“ reichen von systemischem, kritischem und innovativem Denken und Handeln über die Fähigkeit, Probleme zu verstehen und sie ganzheitlich zu lösen bis hin zu digitalen Kompetenzen.
In Schulen und anderen Bildungseinrichtungen braucht es daher ein Angebot an Lernanlässen, das Lernenden ermöglicht, die genannten „Zukunftskompetenzen“ zu erwerben, zu trainieren und (weiter) zu entwickeln.

„Neben der Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen ist es wichtig, Lehrende zu sensibilisieren und entsprechend zu professionalisieren. Starke Partnerschaften zwischen Institutionen unterstützen diesen Prozess“, betont Helga Mayr, die in der Bildungsdirektion für Tirol für Bildung für nachhaltige Entwicklung und Gesundheitsförderung an Schulen zuständig ist.

Die Strategie „Bildung für nachhaltige Entwicklung Tirol“ folgt der Vision, dass das Tirol der Zukunft ein Lebensraum ist, in dem hohe Lebensqualität im Einklang mit nachhaltiger Entwicklung und im Bewusstsein globaler Verantwortung steht.

Vision und Umsetzung der Mission sind nur gemeinsam erreichbar: Das „Netzwerk BiNE Tirol“ (2) bietet eine Plattform für Institutionen, um im Bereich formaler Bildung für nachhaltige Entwicklung wirksam zu werden. Die Wirtschaftskammer ist mit dem Bildungsconsulting des Mitglied des Netzwerks. Gemeinsam werden bereits erste konkrete Projekte umgesetzt, beispielsweise das barcamp (3) Wirtschaft.

 

INTERVIEW

hollu_Portrait_Geschaeftsfuehrung_MEINSCHAD_Simon_PR Simon Meinschad, hollu-Geschäfsführer. Foto: hollu

Der Hygienespezialist hollu engagiert sich intensiv im Bereich Nachhaltigkeit. Geschäftsführer Simon Meinschad erklärt im Interview weshalb.

wirtschaft.tirol: Was war der Auslöser, sich so intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen?

Meinschad: Weil die Zeit drängt. Ich bin überzeugt, es ist nicht mehr fünf Minuten vor zwölf, sondern es hat bereits Punkt zwölf geschlagen. Wir sind die letzte Generation, die das Rad zur Rettung unseres Planeten für nachkommende Generationen noch herumreißen kann.

Was ist der Kern Ihrer Nachhaltigkeits-Strategie?

Beim Klimagipfel der Vereinten Nationen im September 2015 in Paris wurde die sogenannte AGENDA 2030 mit den 17 nachhaltigen Entwicklungszielen „Sustainable Development Goals“, kurz SDGs, beschlossen. 193 Staaten haben dieses verpflichtende Abkommen zur positiven Transformation unserer Welt unterzeichnet – auch Österreich. Ohne die aktive Hilfe von Unternehmen kann es der Staat Österreich alleine nicht schaffen diese Ziele zu erfüllen. Es müsste eine Flut von Gesetzen, Steuern und Förderungen geben. Und deshalb haben wir uns dazu entschieden, die 17 SDGs für unser Unternehmen als strategischen Leitrahmen, als Grundhaltung für unser tägliches Handeln verwenden. Oder mit anderen Worten: Aus der Nachhaltigkeitsstrategie wurde unsere Unternehmensstrategie.

Leitsätze und Ziele zu formulieren ist ja das eine. Wie schwer / leicht ist es dann, diese in konkrete Maßnahmen herunter zu brechen und in die Realität umzusetzen?

Um Ziele zu erreichen, ist es wichtig die Mitarbeiter mit ins Boot zu holen. Beim Thema Nachhaltigkeit war genau diese Identifikation von Anfang an gegeben. Spricht man mit den Mitarbeitern darüber, so spürt man sofort die große Betroffenheit. Alle wissen – so kann es auf diesem Planeten nicht weitergehen. Entscheidend ist auch, dass die Umsetzung der Ziele von der obersten Unternehmensleitung gesteuert werden muss. Nachhaltigkeit ist Chefsache.

Welche Argumente sprechen dafür, dass sich auch andere Firmen vermehrt diesem Thema widmen?

Unternehmer leben täglich Verantwortung und erwarten sich dabei Gestaltungsfreiheit. Warum also auf die Regulierungsflut von Staaten warten? Zeigen wir doch lieber selbstständig, dass wir wissen, was verantwortungsvolles Wirtschaften bedeutet. Außerdem gab es nie zuvor derart viele technologische Alternativen, um nachhaltiger arbeiten zu können. Wir müssen diesen Technologien nur eine Chance geben. Nicht zuletzt möchte ich die Initiativbewerbungen erwähnen – nie zuvor bekamen wir so viele Initiativbewerbungen wie im letzten Jahr, was ich unter anderem auch auf unser Engagement in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz zurückführe.

Die drei wichtigsten Voraussetzungen, um sich ernsthaft mit SDG zu beschäftigen?

Erstens: Authentizität – Kunden wie Mitarbeiter merken, wenn es nicht echt ist. Zweitens: Einfach tun – jeder, ob groß oder klein, kann schon mit sehr einfachen Mitteln zu den SDGs beitragen. Drittens: Die SDGs als Grundhaltung oder Leuchtturm sehen und ihnen folgen – wobei SDG Nr. 8 „Wirtschaftswachstum – wirtschaftlicher Erfolg“ die Basis für alles ist. Nur wenn es dem Unternehmen wirtschaftlich gut geht, ist es in der Lage sich um Themen wie Bildung, Klimawandel oder Ressourcenknappheit zu kümmern.

Wie wird dieses Engagement von den Mitarbeitern bzw. den Kunden aufgenommen?

Die Vorstellung unserer holluworld – verantwortung.hollu.com – hat unglaublich tolles Feedback bei unseren Mitarbeitern ausgelöst. Die holluaner sind stolz auf ihr Unternehmen und motiviert, Vorreiter für andere zu sein. Eine Bewegung wurde gestartet und damit war der erste große Schritt getan. Dasselbe gilt sinngemäß für unsere Kunden – kein Sortiment wächst so stark wie die ökologische Produktlinie hollueco. Ich denke, das spricht für sich selbst.

»»Weitere Informationen: www.hollu.com/verantwortung