Schräge Töne beim Wunschkonzert Arbeitszeit

Kaum hat sich die Regierung auf ein neues Programm geeinigt, gibt es in puncto Arbeitszeitflexibilisierung neue praxisfremde Forderungen. Unternehmer sind sich jedoch einig: Die Arbeit muss dann erledigt werden, wenn Aufträge da sind. 

Die Bundesregierung hat in ihrem neuen Arbeitsprogramm Impulse für die Wirtschaft verankert. Doch zugleich versuchen einige Minister, die Ansagen der eigenen Regierungsmannschaft links zu überholen: Wolfgang Sobotka und Alois Stöger überschlagen sich regelmäßig mit standortfeindlichen Aussagen, zum Beispiel im Bereich Arbeitszeit.

So schlägt SPÖ-Minister Stöger eine „Arbeitszeitverkürzung auf 36 Stunden – bei vollem Lohnausgleich“ vor. Zudem fordert er eine sechste Urlaubswoche. Der Minister macht sich auch für ein Wahlarbeitszeitmodell stark, bei dem Mitarbeiter ihre Arbeitszeit „frei wählen können“. In den Medien wird Stöger ob seiner Haltung schon als „letzter Roter Ritter“ und als „Minister Njet“ bezeichnet.

3,5 Tage Woche nicht praxistauglich

Die Linksaußen-Position am politischen Spielfeld gibt es auch in der ÖVP: Wolfgang Sobotka rittert offenbar mit Stöger um den besseren Platz am linken Flügel und widmete sich in seiner Funktion als niederösterreichischer AAB-Obmann kürzlich dem Thema flexiblere Arbeitszeit – was besonders bemerkenswert ist, da die Regierung den Sozialpartnern ein halbes Jahr Zeit eingeräumt hat, um Vorschläge für diesen Bereich vorzulegen. Im Sinne einer „möglichst freien Einteilung der Arbeitszeit und längerer Freizeitblöcke“ fordert Sobotka gesetzliche Rahmenbedingungen, um „Arbeitnehmern ein Höchstmaß an Freiheit zu garantieren“. Das erklärte Ziel für Sobotka: „Die 3,5 Tage-Woche Realität werden zu lassen.“

Soweit die Theorie der beiden Linksaußen-Spieler. Warum derartige Vorschläge fernab jeglicher Praxistauglichkeit liegen und massiv die Wettbewerbsfähigkeit und damit Arbeitsplätze gefährden würden, erklären im folgenden drei Unternehmer aus unterschiedlichen Sparten, die im Gegensatz zu den Ministern die Arbeitswelt kennen.

 

WK-Präsident Jürgen Bodenseer, Industrie-Spartenobmann Hermann Lindner und IT-Fachgruppenobmann Christoph Holz wissen aus ihrer Praxis als Unternehmer: Gearbeitet muss werden, wenn Aufträge da sind.

Jürgen Bodenseer: „Ich hatte gehofft, dass das neue Arbeitsprogramm der Bundesregierung zumindest eine zeitlang für Ruhe sorgt. Doch es gibt schon wieder Ideen rund um die „bessere Verteilung von Arbeitszeit“ von den Ministern Stöger und Sobotka, die Unternehmer das Gruseln lehren. Über Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich können Menschen mit einer Minimalausstattung an Wirtschaftsverstand nur den Kopf schütteln. Die Tiroler Betriebe kalkulieren bereits jetzt mit hauchdünnen Margen – woher sollen sie die Mittel für eine De-facto-Lohnerhöhung nehmen? Auch die Wahlfreiheit für das wöchentliche Stundenausmaß und die Verteilung der Stunden lässt sich in der Praxis nicht verwirklichen. Wie soll ein Betrieb mit fünf Mitarbeitern gewährleisten, dass das Büro oder die Werkstatt durchgängig besetzt sind? Wer arbeitet noch in der zweiten Wochenhälfte, wenn alle nach 3,5 Tagen heimgehen? Die Wirtschaft braucht geregelte Arbeit, keine Freizeit mit gelegentlichen Arbeitsstunden. Eine faire, umfassende und moderne Flexibilisierung würde Freiheiten und betriebliche Notwendigkeiten unter einen Hut bringen – ein Wunschkonzert mit Linksdrall bringt die Wirtschaft hingegen ins Trudeln.“

Hermann Lindner: „Es ist das Wesen industrieller Produktion, dass die vielfältigen Arbeitsschritte wie bei einem Uhrwerk aufeinander abgestimmt sind. Die Tiroler Industriebetrie - be und ihre Mitarbeiter schaffen es, die Anforderungen und Terminwünsche ihrer Kunden mit ihren betrieblichen Kapazitäten zu synchronisieren. Die von den Industriebetrieben erwartete Reaktionsgeschwindigkeit steigt von Jahr zu Jahr – eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten ist überfällig und bringt Vorteile für beide Seiten. Dass einige Minister der Bundesregierung die Zeichen der Zeit derart verkennen und in die entgegengesetzte Richtung steuern, ist bedenklich. Wenn die Arbeitszeit sowohl in ihrer Länge als auch in ihrer Lage und ihrer Verteilung den Wünschen der Mitarbeiter überlassen wird, ist normales Arbeiten nicht mehr möglich. Die Tiroler Industriebetriebe könnten weder Termintreue garantieren noch ihre präzise durchgetakteten Arbeitsabläufe einhalten. Ich lade Politiker, die derartige Vorschläge machen, gerne ein, im Zuge von Betriebsbesichtigungen die Anforderungen und den Druck auf die Tiroler Industrieunternehmen kennen zu lernen. Wer die Praxis versteht, kommt nicht auf solche Ideen.“

Christoph Holz: „Ich habe die Äußerungen der Minister Stöger und Sobotka in den letzten Tagen mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Eine Frage drängt sich für mich regelmä- ßig auf: Wie stellen sich die beiden ihre Vorschläge in der Praxis vor? Was soll ein mittelständischer IT-Betrieb einem Großkunden sagen, der am Donnerstag Nachmittag ein Serverproblem hat, wenn sich seine Mitarbeiter bereits in die 3,5 Tage Woche verabschiedet haben? Wie sollen die Tiroler Betriebe der ausländischen Konkurrenz standhalten, die mit vernünftigen Arbeitszeiten mehr Verlässlichkeit bieten können? Sollten wir nicht aus dem Beispiel Frankreich, wo die 35-Stunden-Woche grandios gescheitert ist, lernen, anstatt mit planwirtschaftlichen Gedankenspielen die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe aufs Spiel zu setzen? Auf all diese Fragen haben Stöger und Sobotka keine Antwort. Noch etwas gilt es, klarzustellen: In der Debatte um die Arbeitszeiten geht es nicht darum, insgesamt mehr zu arbeiten – sondern dann zu arbeiten, wenn Arbeit da ist. Die Vorschläge, sich die Arbeit nach Gutdünken einzuteilen, sind nur vordergründig sozial: In Wirklichkeit würden derartige praxisfremde Regelungen Unsicherheit schaffen und Arbeitsplätze kosten.“